Er war in seinem Kleinlastwagen auf der Landstraße 7 unterwegs, als ihm
zunächst vorne und später hinten von weissen Fahrzeugen der Weg
abgeschnitten wurde. Er dachte zunächst an einen normalen Raubüberfall
oder einen Entführungsversuch und versuchte daher, seinen Wagen aus der
Falle wegzubewegen. Erst als dann über ein Dutzend vermummte und
hochbewaffnete Polizeibeamte sein Auto umringten und dabei ihre
Polizeiausweise hochhielten, war ihm klar, dass es sich um eine
Festnahme durch die Polizei handelte. Eine Waffe wurde ihn an die
Schläfe gehalten und er ließ sich widerstandslos festnehmen. Im übrigen
war er zwar mit Shorts und einem T-Shirt den sommerlichen Temperaturen
entsprechend gekleidet, aber nicht terroristengerecht ausgerüstet, denn
er wollte seine Familie von der Arbeit abholen. Dies wusste die
argentinische Polizei auch, denn er wurde seit einem halben Jahr von
dieser überwacht. Man hätte die Festnahme natürlich ein wenig
unspektakulärer durchführen können, bspw. beim Einsteigen in das Auto
am selben Tag oder aber bei der Gartenarbeit oder beim Grillen. Die
Festnahme sollte aber offenkundig anderen, nämlich
Öffentlichkeitszwecken, dienen. Daher hatte man auch ein Fernsehteam
bestellt, das die Festnahme festhielt und zufälligerweise zu einem
Sender gehört, der mit einem chilenischen Sender eng zusammen
arbeitete, weswegen die Festnahme auch in Chile prominent als grosser
Fahndungserfolg vermeldet werden konnte.
Denn Galvarino Apablaza
wird von der chilenischen Justiz als Topterrorist gesucht. Ihm wird
vorgeworfen, seit den 80iger Jahren der Anführer der kommunistischen
Widerstandsbewegung Frente Patriotico Manuel Rodriguez (FPMR) zu sein.
Er soll in dieser Funktion das Attentat auf den Senator Jaime Guzman am
01. April 1991 sowie die Entführung von Cristan Edwards zwischen dem
09. Dezember 1991 und dem 01. Februar 1992 zu verantworten haben.
Bekanntlich war die FPMR 1983 als bewaffneter Arm der chilenischen
Kommunistischen Partei gegründet worden, um die Militärdiktatur
Pinochets zu stürzen. Allgemein bekannt ist allerdings auch, dass die
FPMR nach dem Fall von Pinochets Regierung in zwei Fraktionen zerfallen
sei, nämlich eine, die den bewaffneten Kampf aufgegeben habe und
Dissidenten, die die bewaffneten Aktivitäten weiterführen würden.
Studiert
man die Auslieferungsakte der chilenischen Jusitz wartet man vergeblich
auf die Angabe von Beweismitteln, zu welcher Fraktion Galvarino
Apablaza tatsächlich im Tatzeitraum gehörte, ob er tatsächlich noch
verantwortlicher Führer der einen oder der anderen oder gar beider
Fraktionen war, ob ihm irgendeine direkte Tatbeteiligung an den zwei
geschilderten Verbrechen zur Last gelegt wird. Nichts, nada.
In
Argentinien haben sich gleich nach der Verhaftung von Galvarino
Apablaza Menschenrechtsorganisationen zu Wort gemeldet und gefordert,
ihm den Status eines politischen Flüchtlings in Argentinien zu
gewähren. Galvarino Apablaza hat ein bewegtes Leben geführt. Bei der
ersten Befragung durch die argentinische Polizei gab er auf die Frage
nach seiner Profession „Revolutionär“ an und es war wenig Koketterie
bei dieser Antwort : Als Jugendführer der Chilenischen Kommunistischen
Partei wurde er 1974 während der Militärdiktatur entführt und über ein
Jahr brutal und systematisch gefoltert. 1975 wurde er aus Chile
abgeschoben und begab sich nach kurzem Zwischenaufenthalt in Kuba an
die nicaraguanische Südfront und wurde dort einer der Kommandeure im
Kampf gegen die nicaraguanische Diktatur von Anastasio Somoza. In den
80er Jahren ging er in den Untergrund nach Chile, um den
Militärdiktator Pinochet zu stürzen. Er wurde Ende der 80er Jahre als
Comandante Salvador einer der Oberkommandierenden der FPMR. Im Laufe
der 90er Jahre lebte er teilweise in Chile und teilweise in
Argentinien. Er gründete in Argentinien eine Familie mit mittlerweile
drei Kindern, Zwillingen von 10 Jahren und einer Tochter von drei
Jahren.
In Argentinien fordern seine Unterstützer, dass Apablaza
als politischer Flüchtling anerkannt wird. Sein Anwalt Rodolfo Yanzon
kritisiert in dem Auslieferungsverfahren, dass die von Chile
eingereichten Unterlagen nicht ausreichend zur Begründung eines
Verdachtes seien und daher die Auslieferung abgelehnt werden müsse.
Politisch ist seine Festnahme als ein Manöver der chilenischen und der
argentinischen Polizeiapparate anzusehen, die die Arbeit der Operation
Condor unter demokratischen Verhältnissen fortsetzen will. Zu einem
Zeitpunkt, wo die demokratisch gewählten sozialdemokratischen
Präsidenten Kirchner und Lagos zumindest einen Teil der
Menschenrechtsverletzungen der Militärdiktaturen gerichtlich
aufarbeiten wollen, insbesondere die Zusammenarbeit der Diktaturen im
Rahmen der Operation Condor, versuchen die Polizeiapparate die
sogenannte Theorie der zwei Dämonen („Theoria de los dos Demonios“)
wieder zu beleben. Galvarino Apablaza wurde über ein halbes Jahr von
beiden Polizeiapparaten beobachtet, ohne dass eingegriffen wurde. Seine
Verhaftung auf Veranlassung der chilenischen Justiz erfolgte zu einem
Zeitpunkt, als Präsident Lagos seinen großen Menschenrechtsbericht über
die Menschenrechtsverletzungen der Militärdiktatur der Öffentlichkeit
vorgestellt hat. Mit großem Öffentlichkeitsaufwand sollte der
chilenischen Öffentlichkeit verdeutlicht werden, dass nicht nur die
Diktatur Menschenrechte verletzt hat, sondern nur eine Reaktion auf die
kommunistische Gewalt war. Es bleibt zu hoffen, dass die argentinischen
Richter entgegen alter Traditionen den Grundrechten und der
Rechtstaatlichlichkeit vor der Staatssicherheit den Vorzug geben und
sich dem chilenischen Ansinnen widersetzen.


